11-10-07
»Der Fingernagel wird sehr gebraucht ...«
Falzbein, Klebstoff, die alte Presse und verschiedene Einbandstoffe braucht sie, ebenso wie Schneide- und Prägemaschine. Aber eines der wichtigsten Geräte ist ohnehin im wahrsten Sinne des Wortes immer zur Hand: »Der Fingernagel wird sehr gebraucht«, sagt Karin Raczek.
Die Wentorferin bekam ihren Beruf sozusagen in die Wiege gelegt: Ihre Mutter Ingeborg Dreessen war Buchbinderin aus Leidenschaft und fast sechzig Jahre lang die Adresse für alles, was mit diesem Metier zusammenhängt. Sie machte ihren Buchbindermeister, studierte Bucheinbandkunst und arbeitete überwiegend mit den selben Geräten, die die Tochter in der alten Wentorfer Werkstatt noch heute benutzt. Seit ihrer Gesellenprüfung 1966 arbeitet Karin Raczek dort, 1996 übernahm sie die Firma von der Mutter.
Jetzt entfernt sie die Heftklammern aus einem alten Buch, sorgt dann mit speziellem Heftzwirn für neue Verbindungen. Kunstharzkleber sorgt für zusätzliche Verstärkung, bevor die Seiten geschnitten werden – nach ausreichender Trockenzeit, versteht sich. Der neue Buchdeckel besteht aus zwei Pappseiten, die später mit passendem Einbandstoff beklebt werden. »Der Buchrücken darf nicht fest mit dem Einbanddeckel verbunden werden«, betont Karin Raczek. Die Seiten würden beim Aufschlagen herausreißen. Deshalb klebt sie Kapitalband auf den Rücken, anschließend die so genannte Hülse.
Hatten die Bücher zuvor einen Papiereinband, wird dieser erneuert, und gelegentlich lassen sich alte Titelaufkleber auch wieder verwenden. Ansonsten wird der mit Stoff oder Leder beklebte Einband mit einer Prägung (Titel/Autor) versehen.
Zu Karin Raczeks Kunden zählen junge Mütter, die ramponierte Kinderbücher aus Omas Zeiten wieder fast wie neu an ihren Nachwuchs weitergeben möchten, ebenso wie Studenten, die Diplomarbeiten binden lassen. Auch besondere Aufgaben gehören zum Metier. So haben Mitglieder der Kirchengemeinde Altengamme vor sieben Jahren eine Bibel geschrieben, »jeder einen Psalm – aber leider auf falschem Papier«. Das reich bebilderte umfangreiche Buch ist schon das dritte Mal hier, immer wieder bricht es im Gebrauch auseinander. Es ist einfach zu groß und zu schwer. Nun soll ein Kollege aus Lübeck mit einem Spezialklebstoff versuchen zu retten, was zu retten ist.
Moderne Techniken drängen den alten Beruf immer mehr in den Hintergrund. Heute suchen Studenten häufig lieber auf CD-ROM, was sie früher in gebundenen Fachzeitschriften-Jahrgängen fanden. Dennoch gibt es Bibliotheken, die ihre Zeitschriften bei Karin Raczek binden lassen. Und auch die Bürgermeister von Wohltorf und Aumühle zählen zu ihren Kunden. Sie lassen unsere Zeitschrift Sachsenwald aktuell fürs Archiv binden.
»Es ist ein aussterbender Beruf, es gibt nur noch elf Buchbinder in Schleswig-Holstein«, bedauert Karin Raczek. Buchbinder und Drucker aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern treffen sich zweimal jährlich als »Gemeinschaft Nord«. Denn Schleswig-Holsteins Buchdruckerinnung hat sich aufgelöst, auch die Drucker-innung gibt es nicht mehr. Bei den Kollegen in Hamburg existiert zwar noch eine Innung, »aber da wären für viele hier die Beiträge zu hoch.«