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30-07-09

Kriegskinder im Alter

 


Renate Schächinger von KIBIS weiß von Betroffenen: »Früher hat das Verdrängen hervorragend geklappt. Aber für viele ist das Arbeitsleben jetzt zu Ende gegangen, die Ruhephase beginnt. Jetzt kommen viele Erlebnisse wieder hoch.«

Mölln (ml) - »Ich hatte eine behütete Kindheit«, erinnert sich eine ältere Dame an ihre Kleinkindzeit im Zweiten Weltkrieg. Doch die Nachkriegszeit mit Wohnungs- und vor allem Lebensmittelknappheit ging nicht spurlos an ihr vorüber.

Obwohl der Zweite Weltkrieg bereits vor 63 Jahren endete, leiden die »Kriegskinder« bis heute. Sie erlebten Bombenangriffe, erkrankten an Malaria oder Fleckfieber, verloren ihre Eltern und/oder ihr Zuhause, mussten hungern oder wurden misshandelt, erlebten mit, wie andere Menschen erfroren oder verhungerten.

Als es damals endlich wieder aufwärts ging in Deutschland, war keine Zeit für die Aufarbeitung der Nöte der Kinder. »Lass uns doch mit deinen verrückten Geschichten in Ruhe«, bekam so mancher auch später noch zu hören. Und so wurde verdrängt, was Angst machte.

Eines von zahlreichen Schicksalen: Ein Junge, der damals als Kindersoldat zwangsweise im Einsatz war. »Direkt nach dem Krieg wollte keiner etwas davon hören. Es ging darum, wo bekomme ich etwas zu essen her, wo finde ich meine Angehörigen. Das war wichtiger als die Aufarbeitung. Jetzt sind die Jahrgänge, die noch Täter oder Mitläufer waren, so langsam ausgestorben. Die Jüngeren sind aufgeschlossener.«

Auch finanziell leiden die Betroffenen, fehlte ihnen doch oft eine gute Schul- oder Berufsausbildung und nicht alle konnten dies später nachholen.
Im Dezember 2008 zeigte der Mitteldeutsche Rundfunk einen Beitrag mit dem Titel »Der Krieg in mir«, im April/Mai griff die ARD das Thema unter dem Titel »Kriegskinder« auf. In Neumünster gibt es eine Selbsthilfegruppe für »Kriegswaisen«, in Norderstedt treffen sich die »Kriegsenkel«.

Und in Mölln initiierte ein Betroffener kürzlich eine neue Selbsthilfegruppe für »Kriegskinder im Alter«, die sich einmal monatlich bei KIBIS im Adolph-Höltich-Stift am Wasserkrüger Weg 7 in Mölln trifft, um gemeinsam mit anderen Kriegskindern die Vergangenheit endlich aufzuarbeiten - auch und gerade »gegen den Hass«. Die Gruppe kann keine Therapie ersetzen, das wissen die Teilnehmer. »Aber manchmal hilft schon ein Gespräch«, hat die Erfahrung gezeigt. Wichtig, das wissen viele Betroffene, ist die Vergebung gegenüber denen, die ihnen das angetan haben: »Das kann ein Heilfaktor sein.«
Renate Schächinger von KIBIS sagt, dass über die jahrelange Aufarbeitung zum Holocaust die Schicksale der Kriegskinder vernachlässigt wurden, obwohl viele Psychologen in ihren Praxen mit den Folgen wie Schlaflosigkeit, Angststörungen oder Suchtproblematik konfrontiert würden. Manche entwickelten sich beispielsweise zu Messies, die nichts wegwerfen können und auch den Müll aufbewahren.

Der Initiator weiß: »Die massivsten Schäden haben die, die noch ganz klein waren, zwei, drei, vier Jahre alt. Oft wurden sie als Kleinkinder in verschiedenen Familien herumgereicht.«

Die Kriegskinder treffen sich immer am 2. Dienstag im Monat, die nächsten Termine sind also am 11. August und am 8. September, jeweils um 15 Uhr.
Weitere Infos bei KIBIS in Mölln, Tel. 04542 - 905 92 50.



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