02-05-08
Viel Baby, wenig Schlaf
Mölln (ik) – »Eltern auf Probe« – ein Projekt der Pro Familia Beratungsstelle Geesthacht zur Prävention von unreflektierten Lebensentscheidungen, Schwanger- und Vaterschaften Jugendlicher. Pro Familia bietet das Projekt für Jugendliche ab fünfzehn Jahren an. Für vier Tage und Nächte schlüpfen die Jugendlichen in die Elternrolle. Mit sogenannten Säuglingssimulatoren, ein computergesteuertes Medium aus den USA (RealCare Baby), erleben sie den realistischen Alltag mit einem Baby, mit dem Ziel der bewussten Auseinandersetzung mit Elternschaft und Familie.
Diese Maßnahme dient nicht der Abschreckung, sondern stellt eine Art »Elternpraktikum« durch eigenes Erleben mit fachkundiger Begleitung dar. Die Jugendlichen sollen hier lernen, was es bedeutet, Vater oder Mutter zu sein. Die sozialen Kompetenzen in Bezug auf Lebensplanung und Verantwortungsübernahme sollen frühzeitig gefördert werden, denn Erziehung und Elternschaft gehören zu den grundlegenden und verantwortungsvollsten Aufgaben einer Gesellschaft. Auch soll es unreflektierten Entscheidungen vorbeugen, denn Überforderung und Unwissenheit führen nicht selten zu Lebenskrisen, Kindesvernachlässigung und Gewalt.
In Zusammenarbeit mit der Hauptschule Schäferkamp ist das Elternprojekt für vier Tage erstmalig in Mölln durchgeführt worden. Anrika (15), Yasmin (17) und Beyza (17) aus der diesjährigen Abschlussklasse haben sich an diesem Projekt beteiligt, um auf der Grundlage des »Elternpraktikums« ihren Hauptschulabschluss zu erwerben. Sexualpädagogin Maika Böhm hat die drei jungen Mädchen während der Projekttage nach dem regulären Schulunterricht im Jugendzentrum Taktlos mit Rat und Tat begleitet. Rund um die Uhr war Böhm erreichbar und spricht den drei Mädchen großes Lob für ihre Elternrolle aus. »Die drei haben es wirklich klasse gemacht!«
Doch war es keine leichte Aufgabe für die drei »Mütter«, denn das Computerbaby hat den Status eines etwas drei Monate alten Kindes mit all seinen Bedürfnissen. Es muss gewickelt, gefüttert und geschaukelt werden und kann zufrieden glucksen und aufstoßen. Der empfindliche Halsbereich muss gestützt werden und es reagiert auf Vernachlässigung, starkes Schütteln und grobe Behandlung. Durch ein Chiparmband sind die Mütter mit den Babys vernetzt und die Sensoren zeichnen gnadenlos alles auf. Die »Kinder« kamen mit in den Unterricht, was für »Mütter« und Klassenkameraden nicht immer ganz einfach war. Doch auch Hilfe durch Freunde und Mitschüler wurde den drei jungen Mädchen angeboten.
Die gesamte Ausstattung mussten Anrika, Yasmin und Beyza sich selber besorgen. Von der Kleidung bis zum Bettchen. Eben so real wie möglich. Da waren auch die kurzen Nächte real. Schularbeiten? Nur möglich, wenn das Baby einen lässt, notfalls nachts, wenn das Kind (hoffentlich) schläft. Das Fazit der drei: »Das war schon eine anstrengende Woche.«