14-06-10
Staat darf Tafel nicht für gestrichene Sozialleistungen nutzen
Immer mehr Menschen gebrauchen die Hilfe der ehrenamtlichen Tafelbewegung
Lauenburg (ud) – Die Zahl der Tafel-Nutzer steigt schneller als das Aufkommen an gespendeten Lebensmitteln. »Pro Person hätten die meisten Tafel-Kunden deshalb weniger Lebensmittel zur Verfügung«, äußerte sich die Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Tafel, Rainer Häusler. Mehr als eine Million Menschen nutzen regelmäßig die Angebote der Tafeln in Deutschland. Schon heute verzeichnen die meisten Tafeln eine stetig wachsende Zahl an Kunden.
Angesichts der aktuellen Spardiskussion warnt der Bundesverband Deutsche Tafel vor weiteren Kürzungen staatlicher Sozialleistungen. Häusler wies insbesondere auf die schwierige Situation von Kindern und Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien hin, die etwa ein Viertel der Tafel-Nutzer ausmachen. »Aufgrund leerer öffentlicher Kassen können immer weniger Kommunen Kindern aus einkommensschwachen Familien eine Brücke zu mehr sozialer Teilhabe bauen«, bemängelte Häuser. Seit Juni 2009 entstanden 24 neue Tafeln in allen Teilen Deutschlands. Die Gesamtzahl liegt aktuell bei 872 Tafeln.
Friederike Betge, die erste Vorsitzende der Lauenburger Tafel, bestätigt die Aussage Häuslers. Es kommen immer mehr Menschen und der Satz: »Ich hätte nie gedacht, dass ich die Tafel mal gebrauchen würde“«, ist oft zu hören. Der soziale Abstieg ist oftmals unvorhersehbar. Selbst Gutverdienende kommen relativ schnell in Arbeitslosigkeit und dann in Hartz IV. Zur Zeit nutzten wöchentlich etwa 90 Personen pro Ausgabetag das Angebot der Lauenburger Tafel. Hinter diesen Personen steht oftmals die ganze Familie, so dass man von etwa 360 Menschen ausgehen kann, die versorgt werden.
Noch vor einem Jahr waren es 100. Einsparungen gerade im Sozialbereich, trifft die Langzeitarbeitslosen ganz schlimm. Das fängt schon mit dem Wegfall des kostenlosen dritten Kitajahres an. Betge weist darauf hin, dass Hartz IV-Empfänger auch Kita-Gebühren bezahlen müssen. Genauso geht es kinderreichen Familien und Alleinerziehenden. Fakt ist ganz einfach, dass Hartz IV die Bildungsferne der unteren Schichten verstärkt, resümiert die Tafelvorsitzende. Das nächste Problem ist die Einschränkung der Beratungsangebote für sozial Schwache. Für Friederike Betge fehlt eine verlässliche Struktur, auf die der Staat aufbauen könnte. Gerade Kinder dürften auf keinen Fall wie Almosenempfänger behandelt werden. Ein kleiner Lichtblick könnte das Ergebnis der Armutskonferenz sein. »Jetzt haben wir etwas, an dem wir weiter arbeiten können.«
Für Friederike Betge ist Tafel-Arbeit ein Stück politische Arbeit. »Sie hält der Politik den Spiegel vor.« Holger Kölln und Francis Pelczyk arbeiten im Rahmen der ein-Euro-Arbeitsgelegenheiten für die Tafel. Gerade am Freitag und ab Mitte des Monats reichen die gespendeten Lebensmittel nicht mehr. Eigentlich fehlt es an allem. Obst, Gemüse, frische Milch sind Mangelwaren und seit die Tafel keinen Schlachter mehr hat, der sie unterstützt, gibt es auch kein Fleisch und keine Wurst mehr, bedauert Kölln.